Der Geist von Pernerstorf

Im Zusammenhang mit der Waldhäusl-Affäre und dem in der Vorweihnachtszeit 2018 von Innenminister Kickl geäußerten Vorschlag, Asylwerber zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr früh in ihren Unterkünften festzuhalten, erinnerte sich Resi Stenz der Zeit, als sie sich ihr Brot vorübergehend als Lehrerin an einer Höheren Technischen Lehranstalt im Süden Wiens verdienen musste, die ursprünglich in der Pernerstorfergasse beheimatet gewesen war.

Der damalige Direktor war einerseits eine große Nummer im Bund Sozialistischer Akademiker gewesen, andererseits hatte er zur Zeit der Regierungen Schüssel (I und II) durchblicken lassen, dass er sehr flexibel sei… Resi Stenz erzählte uns in diesem Zusammenhang von einem Scherz, der seinerzeit in den Reihen des Bundes Sozialistischer Mittelschüler die Runde gemacht hatte: „Was die SA is, wiss ma, aber bitte was soll das B davor?“

Auch der sozialdemokratische Reichsratsbgeordnete Pernerstorfer, dessen Bronzebüste noch am neuen Standort in der Ettenreichgasse jeden begrüßte, der die Anstalt betrat, war aus dem nationalen Lager gekommen; und noch an seinem Grabe war – seinem Wunsche entsprechend – nicht etwa die Internationale, sondern ein Lied gesungen worden, dessen Text aus der Feder des deutschnationalen Dichters Theodor Körner stammt. Der Direktor beschwor denn auch des Öfteren den „Geist von Pernerstorf“, der den Lehrkörper zu besonderen Leistungen beflügele.

In den ersten Klassen und Jahrgängen saßen viele der jeweils 32 Schüler – meist vor einem Migrationshintergrund – nur das neunte Schuljahr ab, und es lief nicht allzu viel anderes, als das Verhindern von Sachbeschädigung und Körperverletzung. Der Schulleiter ließ daher zu Beginn des Schuljahres alle neuen Schüler in einer Allzweckhalle versammeln, in der auch sein reichlich verstimmter Flügel stand, um ihnen Bescheid zu stoßen. Spätestens dann musste jedem von ihnen mindestens eine Bedeutung des Begriffs „Klassenkampf“ klar sein.

Resi Stenz, die ihre Klasse zu einer solchen Belehrung zu führen hatte, verarbeitete das dabei Erlebte zu einem Gedicht.

 

Der Geist von Pernerstorf

In Pernerstorf, da wohnt ein Geist…
Unauffällig ist der Geist zumeist,

döst in an alten Bösendorfer,
wo keiner seine Ruhe stört,
es sei denn, dass wer darauf schoarf wär’,
dass schrille Dissonanz er hört.

Im Jahre Achtzehnneunundachtzich,
da wurde unser Geist gebor’n,
hat arrangiert mit jeder Macht sich,
ob’s Dollfuß oder Hitler woarn.

Statt Leintuch trug er lieber Fahnen
mit Kruken- oder Hakenkreuz.
Dann tat er gern die Jungen mahnen:
Wer einem Führer folgt, bereut’s!

Er ist recht brav und fürcht’ sich selber
zu sehr, als dass er andre schreckt.
Doch kriegt Besuch in seinem G’wölb er,
kann’s sein, dass er denselben neckt.

Er fährt in ihn und lässt ihn sagen,
was dieser sonsten nicht mal denkt!
So war es auch in diesen Tagen,
als viele Menschen man gelenkt

hat in den LK13-Raum,
wo unser Geist im Flügel schlief.
Spielt jemand gleich „O Tannenbaum“?
Ein kalter Schauer ihn durchlief.

Ist’s Zeit schon für den Weihnachtszauber?
Dass ich so lang geschlafen hab?
Den Wirbel hört sogar ein Tauber!
Wer stellt den, bitte, endlich ab?

Er hebt ein wenig an den Deckel
und sieht sich an die Szenerie.
So viele Leut‘! denkt er mit Ekel,
um Himmels Will’n, was wollen die?

Dann wird’s ihm klar: Die ersten Klassen!
Die Leitung stellt sich ihnen vor!
Da spricht schon einer zu den Massen,
noch hat er aber nicht ihr Ohr.

Von ihm wird er Besitz ergreifen
und steuern seinen Redefluss!
Der wird sie zusammenpfeifen!
Zum Einstand gibt es gleich Verdruss!

Mit Engelszungen wollt’ er sprechen,
was rauskommt, klingt eher nach Krieg:
Den Will’n zum Bösen wird er brechen,
das Gute trägt davon den Sieg!

Wer von den Schülern noch nicht wusste,
dass er der Feind ist, weiß es jetzt.
Wer das Gesagte hören musste
(und es versteht), der ist verletzt.

Das wird im Alltag Früchte tragen
dutzend- oder hundertfach!
Nichts nützen wird dann alles Klagen:
Außeschmeißen geht sehr zach.

Wer noch nicht wusste, was man macht
als kreativer Partisan,
wird auf verschiedene Ideen gebracht,
zum Beispiel schmierst das Häusl an,

als Anfänger: mit Markerschreibern,
ein Künstler nimmt den eig’nen Kot,
den tut er auf die Wänd’ verreibern
als Ausdruck seiner Seelennot.

Sein Ziel hat unser Geist erreicht:
Schweigen herrscht im ganzen Saale.
Will noch was fragen wer vielleicht?
(Jetzt ein Gag noch zum Finale:)

Duat hinten, Sie, zeing Sie jetzt auf?
Oder krotzen’S Ihna wie a Off?
Natürlich sagt niemand was drauf.
Muss einsinken erst, der ganze Stoff.

Der Geist hat seine Ruh’ nun wieder,
zumindest bis zur Weihnachtszeit
mit Klingeling, Gedicht’ und Lieder,
doch bis dahin ist es noch weit…

 

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