Lob der sozialen Härte

Der lange unterschätzte, zuletzt aber sehnlich herbeigewünschte Alltag ist zurück und mit ihm sein Zwillingsbruder, der uns schon lieb gewordene ganz normale Wahnsinn. Der Bundeskanzler hat mit einer Wortspende bereits ein wenig aufhorchen lassen:

Resi Stenz hat den sozialtheologischen Exkurs des jungen Talents als Quelle ihrer Inspiration aufgegriffen, der das unten folgende Gedicht entsprang.

Sie wollte dieses auch als Beitrag zu den abc.etüden des Blogs „Irgendwas ist immer“ verstanden wissen. Dieses Mal waren die Begriffe „Abfallglück“, „Verfallsdatum“ und „unschuldig“ in einen beliebigen Text von maximal 300 Worten einzuarbeiten.

 

Lob der sozialen Härte

Gelobt sei die soziale Härte,
denn diese macht die Schwachen stark.
So ähnlich klang das, was ich hörte,
und ursprünglich fand ich echt arg,

was kam aus Bundeskindermund.
Doch tief’rer Sinn tat sich mir kund,
und ich sah, wie recht er hatte:
In der sozialen Hängematte

hing ich den ganzen Tag herum.
Und viel zu niedrig lag die Latte.
Zum Aufsteh’n hatt‘ ich keinen Mumm,
weil, was ich brauchte, ich schon hatte.

Zerschnitten ist die Nabelschnur,
an der die Hängematte hing.
Erschrocken war ich ganz kurz nur,
als es plötzlich abwärts ging.

Jetzt bin ich Unternehmerin!
Pfandflaschen sammle ich nun ein!
Das Leergut gibt dem Leben Sinn,
egal ob’s Bier war oder Wein.

In so manchem Glascontainer
finde ich nun mein Abfallglück,
korrigier‘ die Fehler jener,
die nix zum Billa bringen z‘rück.

Dort verdreh’n sie schon die Augen,
wenn sie mich seh’n, wie ich komm‘ rein,
weil’s ihnen tut halt nicht so taugen,
wie ich mich bring beim Billa ein:

Als Verfallsdatumsnachforscherin
werde ich fündig jedes Mal!
Ganz weit hint‘ ist nämlich immer drin
was Abgelaufen‘s im Regal!

Ist etwas morgen erst so weit,
wird es ganz hinten eingereiht.
Und morgen sag ich „Hoppala,
schaut’s einmal her, was hamma da?!“

Die Filialleit’rin, das Flittchen,
hasst mich wie einen Ladendieb.
Unschuldig bin ich wie Schneewittchen,
(wenngleich vielleicht nicht ganz so lieb).

Große, respektable Marken
arbeiten auch mit solchen Tricks.
Ich gehör‘ jetzt zu den Starken:
Außer‘m Profit kümmert mich nix!

9 Antworten auf “Lob der sozialen Härte”

  1. „Ich gehör‘ jetzt zu den Starken:
    Außer‘m Profit kümmert mich nix!“
    Ich stelle fest, dass unsere Länder durchaus ähnlich ticken …
    Unamüsierte Grüße
    Christiane

    1. ..Bei uns wollen sie die Profitgier in den Verfassungsrang heben („Staatsziel Wirtschaftsstandort“).
      Kann es sein, dass das Neue Jahr schon anfängt, sich ein wenig zu ziehen?
      Ernüchterte Grüße
      Resi

  2. An einigen Worten habe ich schließlich erkannt, dass es sich um eine Etüde handelt, die wahrscheinlich nicht in D geschrieben wurde. Aber was du beschreibst, kann durchaus auch hier stattfinden – leider. Sehr schön formuliert!

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