Im Tschocherl

Resi Stenz hat in einem kurzen Dialog die Atmosphäre eines Wiener Tschocherls eingefangen.
Bei diesem Begriff – Tschocherl – handelt es sich um ein Nomen loci, dessen Bedeutung man etwa mit den Worten „Ort des Tschecherns [Trinkens]“ umschreiben könnte. Dieses Nomen gibt es nur im Diminutiv, ebenso wie die Art Lokal, die damit bezeichnet wird. Die Enge, die die Gäste zum Schulterschluss zwingt, ist ein Wesensmerkmal des Tschocherls. Damit sich die Gäste dort gut aufgehoben fühlen, bedarf es aber auch einer einfühlsamen Bedienung. Die Fachkräfte, die in solchen Lokalen hinter der Theke stehen, ersetzen oft dem kleinen Mann (nicht so oft der kleinen Frau) den Psychotherapeuten.

Der Text ist wieder mit einer Interlinearübersetzung versehen und stellt auch einen Beitrag zu den abc.Etüden dar (Verwendung der Begriffe „Salatschüssel“, „seidig“ und „übernehmen“, max. 300 Wörter).

Tuco vom Team Resi hat den Dialog für uns gelesen.
Der gesprochene Text bildet mit der Hintergrundmusik, die gerade aus dem Wurlitzer erklingt, ein harmonisches Ganzes.

Im Tschocherl

Frau Grete         Jetzt hob i ma de Schtrumpfhosn auszong wäu ma so haaß woa …
Ich habe mir die Strumpfhose ausgezogen, weil mir so heiß war …
Gast                      Heast, wia a Schtriptisgörl kummst ma vua, heast, wia a Schtriptisgörl …
Hör mal, du kommst mir vor wie ein Striptease Girl …
Frau Grete         Nau, wäu in da Fruah woas jo no koid!
Am frühen Morgen war es ja auch noch kalt!
Gast                      Und do host da a Schtrumpfhoserl auzong …
Und da hast du dir das Strumpfhöschen angezogen …
Frau Grete         Jo, wäus jo nur zehn Grad ghobt hot!
Ja, denn es hatte ja nur zehn Grad!
Gibst ma de Solotschissl umma?
Reichst du mir die Salatschüssel rüber?
Gast                      Nau söbvaständlich, Frau Grete, dein Wunsch is mir Beföh!
Na selbstverständlich, Frau Grete, dein Wunsch ist mir Befehl!
Frau Grete         Heast, du host jo goa kan Solot gessn, heast!
Hör mal, du hast ja gar keinen Salat gegessen!
Gast                      I bin hoit mehr fia de fleischlichen Genüsse, waunnst waaßt, wos i maan.
Ich ziehe eben die fleischlichen Genüsse vor, wenn du weißt, was ich meine.
Frau Grete         Wüst no a Bier?
Möchtest du noch ein Bier?
Gast                      Nau, söbvaständlich! Wos glaubst na du?
Na selbstverständlich! Was glaubst du denn?
Frau Grete         Nau, wäust scho viere ghobt host … dass di net iwanimmst!
Weil du schon vier gehabt hast … dass du dich nur nicht übernimmst!
Gast                      Owa daunn …
Aber dann …
Frau Grete         Wos daunn?
Was dann?
Gast                      Nau, daunn untertogs is daunn woam wuan.
Na dann, untertags ist es warm geworden.
Frau Grete         Jo, daunn scho.
Ja, dann schon.
Gast                      Jo und do host da dei seidigs Strumpfhoserl auszong …
Ja und dann hast du dein seidiges Strumpfhöschen ausgezogen …
Frau Grete         Nau, du bist guat! Mir woa jo haaß ois wia!
Na du bist gut! Mir war ja auch sehr heiß!
Gast                      Heast, wia a Schtriptisgörl kummst ma vua, heast, wia a Schtriptisgörl …
Hör mal, du kommst mir vor wie ein Striptease Girl …

9 Antworten auf “Im Tschocherl”

  1. Schön, den „Slang“ mal wieder zu hören. Ich habe vor vielen Jahren In El Salvador zusammen mit einem Wiener aus dem Hernalsergürtel, Dritte Stiege, einen guten Freund (und sogar Trauzeugen) gehabt. Er hatte einen TR4 (Triumph) Sportwagen und wir sind zusammen Rennen gefahren. Irgendwie haben wir uns dann aus den Augen verloren, aber ich höre ihn immer noch in seinem wienerischen Dialekt reden!

      1. Ja, da habe ich damals gearbeitet, Druckmaschinen von den Heidelbergern verkauft. Und Jürgi, mein österreichischer Freund war damals für Bosch tätig. Meine Verlobte ist dann nachgekommen und wir haben drüben geheiratet. Ist 50 Jahre her und war damals schon ein Abenteuer, aber im positiven Sinne, denn das war vor den schlimmen Jahren.

      2. Schön, wenn man auf solche Erlebnisse zurückblicken kann! Ich war vor einigen Jahren mit meinem Sohn in Guatemala Spanisch lernen – immer noch ein Abenteuer!

      3. Wir sind damals oft von San Salvador rüber nach Guatemala gefahren. Da gab es nämlich einen deutschen Metzger, und da haben wir immer eingekauft, was es in Salvador nicht gab.
        Öfter sind wir auch zum Atitlan-See gefahren und natürlich nach Chichicastenango. (Wenn ich mir im Web Bilder von heute dazu ansehe, muss ich leider feststellen, dass sich in den vergangenen 50 Jahren dort nicht viel verändert hat).
        Leider!
        Gruß aus Hessen
        Werner

      4. Ja, der Atitlan-See und der große Markt in Chichicastenango …!
        Wir haben in Antigua bei einer Familie gewohnt und am Wochenende Ausflüge gemacht, auch nach Monterrico am Pazifik und zu den Ruinen von Kopan in Honduras. Die Maya-Ruinen im Petén haben wir uns von Flores aus angesehen. Dort lebt der Dieter Richter, ein deutscher Architekt, der bei den Ausgrabungen mitwirkt und auch eine Sprachschule unterhält. Er hat uns ein paar nicht leicht erreichbare Kleinodien gezeigt.
        Ich würd‘ gern wieder eine Weile in Mittelamerika verbringen!
        Einstweilen Grüße aus dem Wiener Tschocherl,
        Rudi … äh … Resi

  2. Also, ich glaube, die Dialoge sind hierzulande in entsprechenden Etablissements auch nicht viel anders. 😉
    Danke für Übersetzung und Einsprechen. Darf ich davon ausgehen, dass sich die Sprecher für die Unwissenden nördlich des Labskaus-Äquators um eine deutliche Aussprache bemüht haben, oder ist das das Originaltempo?
    Amüsierte Grüße
    Christiane

    1. Der Sprecher hat sich nicht eigens darum bemüht, für labskausische Hörer verständlich zu bleiben. Das geringe Tempo seiner Sprache ist einer – möglicherweise schon chronischen – Beeinträchtigung durch Alkoholkonsum geschuldet. Außerdem lässt er seine sexuell aufgeladenen Beiträge zum Dialog gleichsam auf der Zunge zergehen.
      Frau Grete hingegen spricht in normaler Geschwindigkeit. Sie hat solche Gespräche tausend Mal geführt und weiß natürlich, welche Stöckchen sie ihren mehrheitlich männlichen Gästen werfen muss, um ihr Interesse zu wecken und sie zu Stammgästen zu machen.
      Grüße nach Labskausien!
      Resi

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