Kleines Missverständnis

Resi Stenz kommentiert die jüngste außenpolitische Meisterleistung des Wunderkanzlers mit einem kleinen zweisprachigen Gedicht, das von Tuco gelesen wird.

[Paco]

Sag mir bitte, Bibi, was ich machen soll!
Weil in die Bredouille – wie du – langsam kumm i!
אני מתנהג כפטריוט גדול
ומרים את הדגל הלאומי
(Wie folgt, man Bibis Worte übersetzen kann:
Ich mach auf „Patriot“ und hiss die Flagge dann!)

Etgar Keret in einem Artikel der FAZ zur aktuellen Situation in Israel:

Wieder wurden Hunder­te Rake­ten auf israe­li­sche Städte gefeu­ert, wieder forder­te der wüten­de Mili­tär­ex­per­te des Fern­seh­sen­ders Chan­nel 12 eine entschie­de­ne mili­tä­ri­sche Antwort. Und wieder erklär­ten verängs­tig­te Zivi­lis­ten den Korre­spon­den­ten vor Ort, dass man dies­mal wirk­lich mit allem, was man habe, zurück­schla­gen müsse, um diese Atta­cken ein für alle Mal zu been­den – als ob wir gerade ein völlig außer­ge­wöhn­li­ches Ereig­nis erleb­ten, das aus dem Nichts gekom­men sei und uns alle über­rascht hätte. Den Berich­ten zufol­ge ist das ein so uner­war­te­ter Vorfall, dass selbst unser hoch­ge­lob­ter mili­tä­ri­scher Geheim­dienst nichts davon ahnen und uns deshalb auch nicht warnen konnte – und nicht etwa etwas, das wir schon drei­mal zuvor bei mili­tä­ri­schen Opera­tio­nen im Gaza­strei­fen durch­ge­macht haben und wahr­schein­lich in ein oder zwei Jahren wieder erle­ben werden. 

Aber selbst wenn niemand von uns wirk­lich verste­hen will, wie der Albtraum dies­mal begann, wissen wir in unse­ren Herzen bereits, wie er enden wird: Als Antwort auf die Rake­ten­an­grif­fe der Hamas, die bekla­gens­wer­te Verlus­te an Menschen­le­ben fordern, werden wir noch mehr Gebäu­de im Gaza­strei­fen bombar­die­ren, um unse­ren Feind einen noch höhe­ren Preis zahlen zu lassen, wir werden unsere inef­fek­ti­ven Abschre­ckungs­ka­pa­zi­tä­ten verbes­sern und mehr rang­ho­he Entschei­dungs­trä­ger der Hamas töten, die schnell durch neue ersetzt werden – und dabei auch Zivi­lis­ten, darun­ter Kinder, ster­ben sehen. Die Welt wird sich geschockt zeigen – und wir werden der Welt Heuche­lei und doppel­te Stan­dards vorwer­fen, der Inter­na­tio­na­le Gerichts­hof in Den Haag wird eine Unter­su­chung verlan­gen, und wir werden von ihm das Einge­ständ­nis fordern, dass ein solcher Schritt anti­se­mi­tisch ist – und wenn das ganze Ritual einmal durch­ge­spielt ist, begin­nen wir wieder von vorne. 

Der rechte Jour­na­list Shimon Riklin hat einen Tweet abge­setzt, in dem es hieß: „In einem norma­len Land stünde der halbe Gaza­strei­fen bereits in Flam­men.“ Daher ist es wich­tig, dass man ihn darauf hinweist, dass in einem norma­len Land jemand wie der extre­mis­ti­sche Itamar Ben Gvir nicht in die Knes­set gewählt worden wäre und nicht mit der rassis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on Lehava sein soge­nann­tes Parla­ments­bü­ro, das aus zwei Plas­tik­stüh­len besteht, in Ostje­ru­sa­lem in dem über­wie­gend von Arabern bewohn­ten Stadt­teil Sheikh Jarrah aufge­macht hätte. In einem norma­len Land hätte der Sicher­heits­mi­nis­ter niemals darauf bestan­den, mitten im Rama­dan den Vorplatz des Damas­kus­tors zur Altstadt absper­ren zu lassen. Und in einem norma­len Land hätte die israe­li­sche Poli­zei auf die Protes­te in Jeru­sa­lem mit mehr Zurück­hal­tung reagiert, wie sie es in der Vergan­gen­heit auch getan hat – und nicht Blend­gra­na­ten in die Al-Aqsa-Moschee gefeu­ert, deren Explo­sio­nen in der ganzen Welt wider­hall­ten. Ein norma­les Land würde die Hamas mit aller Macht bekämp­fen, im Bewusst­sein, dass dieser Kampf nicht die Span­nun­gen, Konflik­te und das Gefühl der Benach­tei­li­gung besei­ti­gen kann, das in Lod, Jaffa and Ostje­ru­sa­lem vorherrscht. In so einem Land würden die Menschen begrei­fen, dass der abscheu­li­che Terror, dem sie ausge­lie­fert sind, tiefe Wurzeln hat, die nicht allein mit Gewalt und Einschüch­te­rung zu besei­ti­gen sind. In einem norma­len Land würden wir verste­hen, dass sich etwas ändern muss und dass eine Regie­rung, an der eine arabi­sche Partei betei­ligt ist, ein echter Versuch sein könnte, das Problem zusam­men mit den israe­li­schen Arabern zu lösen – und für sie. 

Doch weder sind wir ein norma­les Land noch eines, das bereit ist, sich seine Fehler einzu­ge­ste­hen. Aber macht nichts: Das nächs­te Mal werden wir sie einfach in Grund und Boden bomben und das Problem ein für alle Mal lösen.

Der israe­li­sche Schrift­stel­ler Etgar Keret lebt in Tel Aviv. Zuletzt erschien sein Erzähl­band „Tu’s nicht“ (Aufbau). Der Arti­kel erschien zuerst in der Yedioth Ahro­noth. Aus dem Engli­schen von Rainer Schmidt.

3 Antworten auf “Kleines Missverständnis”

    1. Der Kurze erledigt die antiislamischen Anliegen seiner ehemaligen Koalitionspartner gleich mit, damit die keiner zu wählen braucht. Da empfehlen sich natürlich auch gute Beziehungen zu israelischen Rechten,. Aber der alte christlichsoziale Antisemitismus lauert immer noch dicht unter der Oberfläche und entweicht gelegentlich dem Kalnzler und anderen Mitgliedern der türkisen „Familie“als „Silberstein-Code“
      https://kontrast.at/tal-silberstein-antisemitismus-ibiza/

  1. Schätze einmal, das „Sehr gut“ bezieht sich auf den Witz, der in der Geschichte steckt, und nicht auf die persönliche Beziehung zwischen dem Kurzen und Bibi.
    Bibi hat zwar ein Gerichtsverfahren am Hals, kann aber dank Corona und dank der Hamas-Raketen die Nation um sich scharen und die Affären, in die er verstrickt ist, vergessen machen. Das ist genau das, was der Kurze jetzt bräuchte. Deshalb holt er sich bei Bibi Etzes. Der erklärt ihm, was er tut: Er gebärdet sich als großer Patriot und hisst die Nationalflagge, Der Kurze hält sich ein bisserl zu wörtlich an Bibis Rat (deshalb „Kleines Missverständnis“) und hisst die – israelische – Nationalflagge.

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